Erinnerungskultur – damals und heute! Die Begabtenakademie im Sudetendeutschen Museum

Am 13. Februar 2026 besuchten 52 Schülerinnen und Schüler der Begabtenförderung des WHGs das Sudetendeutsche Museum in München. Der Exkursionstag stand ganz im Zeichen der Erinnerungskultur – damals und heute – und bot den Jugendlichen spannende Einblicke in ein oft wenig behandeltes Kapitel der mitteleuropäischen Geschichte. In drei Gruppen aufgeteilt (6./7. Kl., 8./9. Kl. und 10./11. Kl.) gab es verschiedene Themen zum Überthema. Zahlreiche Schülerinnen und Schüler, wie auch Begleitlehrkräfte fanden sich in den Erzählungen wieder, da sie selbst Omas, Opas, Uromas, Uronkel etc. aus Sudetendeutschland hatten.

Wer sind die Sudetendeutschen?

Der Begriff „Sudeten“ beziehungsweise „Sudetendeutsche“ bezeichnet die deutschsprachige Bevölkerung in den Grenzgebieten Böhmens, Mährens und Teilen Schlesiens – Regionen, die heute zu Tschechien gehören. Der Name leitet sich vom Gebirgszug der Sudeten ab.

Über Jahrhunderte lebten Deutsche und Tschechen in diesen Gebieten nebeneinander. Viele Deutsche waren seit dem Mittelalter dorthin gezogen, um Städte zu gründen, Handel zu treiben oder als Handwerker und Bauern zu arbeiten. Es entstand eine vielfältige Kultur mit eigenen Traditionen, Dialekten, einer starken Wirtschaft und lebendigen Vereinen und Bräuchen. Städte wie Reichenberg (heute Liberec) oder Eger (heute Cheb) waren kulturelle und wirtschaftliche Zentren.

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Ende des Erster Weltkrieg zerfiel die Habsburgermonarchie und 1918 entstand die neue Tschechoslowakei. Obwohl viele Sudetendeutsche sich lieber Österreich oder Deutschland angeschlossen hätten, wurden ihre Siedlungsgebiete Teil des neuen Staates.

In den folgenden Jahren kam es dann zu politischen und wirtschaftlichen Spannungen zwischen der tschechischen Mehrheitsbevölkerung und der deutschen Minderheit. In den 1930er-Jahren verschärfte sich die Lage zunehmend. Mit dem Münchner Abkommen wurden die sudetendeutschen Gebiete 1938 an das nationalsozialistische Deutsches Reich angeschlossen – ein Schritt, der den Weg in den Zweiten Weltkrieg weiter ebnete.

Die Folgen des Zweiten Weltkriegs

Nach dem Ende des Zweiter Weltkrieg kam es aber zu dramatischen Veränderungen: Zwischen 1945 und 1946 wurden rund drei Millionen Deutsche aus der Tschechoslowakei vertrieben oder zur Ausreise gezwungen. Viele verloren ihre Heimat, ihren Besitz und oft auch Angehörige. Die sogenannten Beneš-Dekrete bildeten die rechtliche Grundlage für Enteignungen und Vertreibungen.

Die meisten Vertriebenen fanden in den westlichen Besatzungszonen Deutschlands und in Österreich eine neue Heimat. Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung prägt viele Familien bis heute.

Migration, Flucht, Zwangsmigration, Vertreibung etc. – alle diese Begriffe wurden inhaltlich geklärt und anhand von Beispielen der Geschichte verdeutlicht. Welche Konsequenzen dies für die Menschen hatte, zeigten nicht nur Bilder, sondern wurde mit den Schülerinnen und Schülern erarbeitet und nachgespürt. Was würdet ihr mitnehmen, wenn ihr morgen fliehen müsstet? Welche immateriellen Sachen bringen Vertriebene mit? Was bewirkt FLUCHT bei Kindern, bei Eltern, bei Rentnern? Wie leben sich Kinder in einer fremden Umgebung ein, wie werden sie aufgenommen?

 

Erinnerungskultur damals und heute

Im Museum sowie unterwegs in München setzten sich die Schülerinnen und Schüler in Workshops intensiv mit dem Thema Erinnerungskultur auseinander: Wie wird Geschichte erzählt? Wer erinnert sich – und warum? Welche Rolle spielen Museen bei der Aufarbeitung von Konflikten?

Besonders spannend war die Diskussion darüber, wie sich der Blick auf die Sudetendeutschen im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. Während das Thema lange Zeit stark politisch geprägt war, steht heute zunehmend der Dialog und die gemeinsame europäische Perspektive im Vordergrund. Das Museum zeigt nicht nur Leid und Verlust, sondern auch das jahrhundertelange Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen.

Der Besuch im Sudetendeutschen Museum machte deutlich, wie wichtig eine differenzierte Auseinandersetzung mit Geschichte ist. Für die 52 Schülerinnen und Schüler war es ein eindrucksvoller Tag, der zeigte: Erinnerungskultur bedeutet nicht nur, an Vergangenes zu denken, sondern Verantwortung für die Gegenwart und Zukunft zu übernehmen.

Simone Schmidt

 

Bericht der 10./11. Klasse:

Nach einer Einführung in die Geschichte der Sudetendeutschen wurde die besondere Bedeutung des Münchner Abkommens von 1938 erläutert, das zur Besetzung der deutschsprachigen Gebiete der Tschechoslowakei durch die Nationalsozialisten führte. Der anschließende Stadtrundgang führte die große Gruppe der Zehnt- und Elftklässler zunächst zum Ort des Attentatsversuchs Georg Elsers auf Hitler im ehemaligen Bürgerbräukeller (heutiges Gasteiggelände), der sein Ziel im November 1939 am Jahrestag des Hitlerputsches von 1923 und der Reichspogromnacht 1938 nur um wenige Minuten verfehlte.
Dem damaligen „Marsch auf die Feldherrenhalle“ folgend wurden historische Stätten besucht, wie beispielsweise das Alte Rathaus (Rede Goebbels‘ im Vorfeld der Pogromnacht), die Feldherrenhalle selbst als Ort der Niederschlagung des Putschversuchs durch die bayerische Landespolizei, sowie die benachbarte Viscardigasse, die später die volkstümliche Bezeichnung „Drückeberger-Gassl“ erhielt, da sie zur gewollten Umgehung des Odeonsplatzes genutzt wurde, um das erzwungene Salutieren vor dem an der Feldherrenhalle von den Nationalsozialisten errichteten Mahnmal zum Gedenken an die Opfer des Putsches zu vermeiden. Eine dort ins Kopfsteinpflaster eingelassene Bronzespur erinnert noch heute daran. Es war eine gelungene Führung und das Thema brachte den Schülerinnen und Schülern München aus einem anderen Winkel nahe.

Hartmut Rothweiler