Es Sei Denn

Veränderung war schon immer integraler Bestandteil unseres Lebens, so manch einer mag sogar sagen, sie sei die einzige Konstante unseres Universums. 1966 erzählten Kinder in einem Interview, wie sie dachten, dass das Leben im Jahr 2000 aussehen wird. Viele theorisierten, die Welt solle dann voll autonomisiert und alles von Computern übernommen sein. Die Welt solle eng und langweilig werden, und sie könnten sich in dieser nicht vorstellen, wie Menschen noch Spaß haben. Heute wäre die Beschwerde über Dieselpreise, über Wohnpreise in Großstädten und darüber, dass unsere Welt vor unseren Augen verfällt, während wir diese davor verschließen. Wir leben in einer Welt, die nicht durch Zusammenarbeit, sondern gegenseitiger Abhängigkeit besteht, einer Welt, in der wir nicht schöpfen, sondern erschöpfen, in der wir nicht schaffen, sondern vor Arbeit erschlappen, und vor allem einer Welt falscher Prioritäten. Es sei denn?

 

Es ist egal, was man den Kindern damals hätte sagen können – die Welt hätte sich unausweichlich verändert, aber diese Frage stellt sich überhaupt nicht. Es geht nicht darum, ob man die Veränderungen in diesen jungen Händen hätte aufhalten können, sondern wie man sie hätte lenken können. 2024 stellten sich die Schüler 58 Jahre später wahrscheinlich ähnliche Fragen, und wahrscheinlich auch andere, als einige von Ihnen ihre wissenschaftlichen Seminare für die Oberstufe auswählten. Sie lasen sich durch die kurzen Ausschreibungen, die exhibiert waren, als wäre das Dokument ein Marktplatz und die Lehrer anonyme Verkäufer, welche die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Käufer nutzen, um so kompakt wie möglich ihr Produkt zu bewerben. „Wählt das Seminar basierend auf euren Interessen, nicht der Lehrkraft“, hieß es, doch über einen unverkennbaren, fast eine Seite langen Fließtext stolperten schließlich 16 Schüler. Wer sonst hätte einen sprachlich charakteristischen Text wie diesen schreiben können, als Herr Bruno Matzas? Wenn die Lehre des „Zwischen den Zeilen Lesens“ der Interpretation im Deutschunterricht eine Verwendung gefunden hat, dann war es wohl die, in der Ausschreibung zu erkennen, dass Herr Matzas‘ Erwartung nicht darin lag, ein Thema formgerecht zu rezitieren, sondern es auf seine eigene Art zu entfalten und zu lernen, andere davon zu überzeugen. Die Substanz dieses Seminars war es letzten Endes zu erkennen, dass die Bewältigung der Herausforderungen unserer heutigen Welt – die in jedem Land gravierend anders aussehen – nicht in der Politik, nicht in der Wirtschaft, sondern zuallererst bei den Menschen anfängt. Denjenigen Individuen, die jeden Mittwochnachmittag ihre 9./10. Unterrichtsstunde im Klassenzimmer zusammen verbrachten, lernten, debattierten und schließlich lehrten. Im Jahr 2026, nun 60 Jahre nach dem Interview, waren wir diejenigen, die an Herrn Matzas‘ Stelle vor dem Kurs standen und erzählten. Wir erzählten von nachhaltigem Leben in Einfamilienhäusern, Solarzellen auf dem Wasser und der Wahl von Autotreibstoffen (und unzählig Vielem mehr), bis hin zu Bauten von eigenen Fusionsreaktoren als irdische Sterne und schließlich autarken Raumschiffen, als wäre das Klassenzimmer kein Zimmer, sondern, als säßen wir alle in einem selbstgeschaffenen Schiff auf dem Weg in eine Welt, die kein Science-Fiction mehr ist, sondern das Konstrukt, das wir uns für unsere Zukunft wünschen, und wir sind ihre Architekten.

 

Unsere Welt ist nicht beständig, sie verändert sich, und sie wird zerbrechen, es sei denn, wir tun etwas. Die Politik wird kurzfristige Krisen priorisieren und von Abhängigkeit zu Abhängigkeit springen, es sei denn, wir tun von unten etwas und zeigen der Welt da oben, dass es unzählige Möglichkeiten gibt, diese Tatsachen zu ändern, und dass wir die Veränderung wollen. Die Menschen werden ihren Spaß an einer Welt verlieren, die so viel für uns und unsere Folgegenerationen zu bieten hat, es sei denn, wir öffnen endlich unsere Augen vor ihrer Schönheit und ihren Möglichkeiten.

 

Danke an Herrn Bruno Matzas, der in dem W-Seminar 2024/2026 für nachhaltige Technologien am Werner-Heisenberg-Gymnasium, Schüler dazu motiviert hat, ihre eigene unverkennbare Arbeit zu schreiben, und ihnen ein Stück seines Wissens weitergegeben hat.

 

Es sei denn, sind wir.

Tamara Bobrov