Vom Klassenzimmer auf den Golfplatz
Für Lennart, 16, war das Angebot des Werner-Heisenberg-Gymnasiums (WHG) in Garching ein Türöffner. Der Schüler gehörte 2022 zu den ersten Teilnehmern der Golf AG am WHG und entdeckte seine Leidenschaft für diesen Sport. Heute spielt der Teenager in der ersten Jugendmannschaft des Golfclubs München-Eichenried im Münchner Norden. Der junge Garchinger gilt als talentiert und hat nach den Worten seiner Trainer eine vielversprechende Karriere vor sich.
An diesem sonnigen Donnerstag nehmen Lennart und zwei seiner Freunde, die ebenfalls über das Angebot des Garchinger Gymnasiums zum Golfspielen gefunden haben, am Training der Jüngeren teil. Das Trio unterstützt die Buben und Mädchen der fünften bis zur siebten Klasse nicht nur beim Aufwärmen, sondern gibt auch Tipps zu Stand und Abschlag.
Im neuen Kurs des Garchinger WHG sind heuer erstmals eine Grundschülerin und ein Grundschüler dabei. Ihnen ist anzumerken, dass sie keine Scheu haben, weder vor den Großen in ihren professionellen passenden Golfklamotten noch vor dem Abschlag – auch wenn nicht alles gleich auf Anhieb klappt. Mit großer Geduld wird ein gelber Ball nach dem anderen platziert. Immer wieder. Nach ein paar Luftschlägen eilt Trainer Pascal Gabsa zu Hilfe. Mit Kreide malt er Kreise auf die Kunstrasenmatte: zwei für die Füße, einen für den Ball. Der 35-Jährige zeigt Lina und Henri, wie sie sich am besten hinstellen sollen – schulterbreit, leicht in den Knien – und wie der Golfschläger optimal geführt wird. Dann klappt es. Den beiden Jüngsten im Team ist anzusehen, wie stolz sie sind, dass die Bälle meist in die richtige Richtung fliegen.
Ins Leben gerufen hat das Angebot nach der Corona-Zeit Armin Eifertinger, Schulleiter des Gymnasiums, gemeinsam mit einem golfbegeisterten Vater zweier Schüler, der auf dem nahegelegenen Golfplatz in Eichenried spielt. Mit dem Ziel, den durch die Pandemie verursachten Bewegungsmangel auszugleichen, wurde die Golf-AG gegründet. Jeweils 14 Schülerinnen und Schüler können sich dafür anmelden. Der Kurs startet jeweils nach Ostern, bis zum Sommer absolvieren die Jungen und Mädchen 13 Termine – und erlangen dabei die Platzreife. Eine weitere Rolle spielte vermutlich der Wunsch, mit dem Projekt ein wenig das Klischee aufzubrechen, Golf sei nur einem elitären Kreis vorbehalten.
Armin Eifertinger kann dieses Vorurteil aus eigener Erfahrung entkräften, denn er spielt selbst erst seit wenigen Jahren Golf – gewissermaßen als Spätberufener – in München-Riem. Auslöser war ein Kurs, den ihm seine Frau zum Geburtstag schenkte. „Es ist toll, auf dem Golfplatz trifft man die unterschiedlichsten Menschen, vom Professor bis zum Handwerker.“ Der Schulleiter sagt, er bedauere, nicht schon früher mit diesem Sport angefangen zu haben.
Am Werner-Heisenberg-Gymnasium steigen seither donnerstags nach Schulschluss Schülerinnen und Schüler gemeinsam in einen Bus. In Begleitung von Eifertinger und Schulsozialarbeiterin Meggie Olbrich – beide in Trainingskleidung – geht es zum Golfplatz Eichenried. Die Schulgolf-AG funktioniert ausdrücklich ohne Zugangshürden. Schläger, Bälle, Trainer und Transport werden organisiert, eine Mitgliedschaft ist nicht nötig. „Die Kinder sollen einfach kommen und ausprobieren können“, sagt Eifertinger.
Gerade für Schülerinnen und Schüler, die im klassischen Mannschaftssport oft im Abseits stehen, bietet das Konzept Vorteile – und macht offenkundig großen Spaß. Mehr als 50 Schülerinnen und Schüler haben bisher teilgenommen. Einige spielen heute regelmäßig weiter, andere nicht. Die Schulmannschaft gewann 2023 die bayerische Meisterschaft. Entscheidend sei aber etwas ganz anderes, sagt Eifertinger in Eichenried: „Viele erleben hier zum ersten Mal, dass sie etwas wirklich können.“
Wie aufs Stichwort gelingt Haydar, der bald zwölf wird, an diesem Nachmittag ein perfekter Abschlag. Der Gymnasiast ist zum ersten Mal dabei, sein Freund Moritz hat im vergangenen Jahr angefangen. Auf der Driving Range – der ersten Station nach dem spielerischen Aufwärmen auf der etwas abseits gelegenen Wiese unter blühenden Obstbäumen – liefern sich die beiden einen munteren, aber respektvollen Wettkampf. Wie die anderen Kursteilnehmer auch hören sie Trainer Pascal Gabsa und Eifertinger aufmerksam zu. Dann geht es gemeinsam hinüber zum Kurzplatz, auf dem die Jungen und Mädchen das Putten üben, also den Schlag, mit dem der Ball möglichst direkt ins Loch roll. Auch das gelingt ihnen immer besser.
Die Schulgolf-AG ist auch außerhalb der Golfsaison aktiv. Im Winter findet am Werner-Heisenberg-Gymnasium ein begleitendes Athletiktraining mit koordinativer Ballschule statt, sodass die Kinder kontinuierlich in Bewegung bleiben und ihre motorischen Fähigkeiten weiterentwickeln. Für dieses Engagement wurde Schulleiter Armin Eifertinger nun mit dem Nachwuchspreis des Deutschen Golfverbandes ausgezeichnet.
Viele der Kinder haben vorher noch nie einen Golfplatz betreten, doch nach wenigen Wochen ist das alles für sie ganz selbstverständlich geworden. Diese Beobachtung hat auch Vera Vaubel, Sportbeirätin in Eichenried, gemacht. Das ehrenamtliche Engagement von Schulleiter Armin Eifertinger sei für den Verein von unschätzbarem Wert, sagt sie – nicht zuletzt, weil es den Sport für den Nachwuchs attraktiver macht. Aktuell hat der GC Eichenried nach eigenen Angaben knapp 290 Kinder und Jugendliche als Mitglieder. Davon stehen 150 Kinder und Jugendliche im Training, verteilt auf sieben Breitensportgruppen und acht Gruppen bei den ambitionierten Hobbygolfern – hinzu kommen vier Kaderteams. Bei den Bambini, also den Drei- bis Sechsjährigen, probieren sich 22 Kinder in ganz kleinen Gruppen erstmals im Golfen.
Die Übertrittsquote aus der Schul-AG, also derjenigen, die später Mitglied in Eichenried werden und im Jugendtraining weitermachen, liegt im Schnitt zwischen drei und fünf Kindern. Während beim Deutschen Golfverband die Zahlen eher stagnierten oder rückläufig seien, könne Eichenried dank intensiver Jugendarbeit ein solides Wachstum verzeichnen, so Sportbeirätin Vaubel. Im Juli findet nach den Worten von Armin Eifertinger dort eine Schulgolfmeisterschaft statt, zu der das WHG die benachbarten Schulen in Ismaning und Unterföhring sowie Erding eingeladen hat.
Das Training an diesem Donnerstagnachmittag neigt sich dem Ende zu. Die Kinder und Jugendlichen werden von ihren Eltern abgeholt und haben viel zu erzählen. Armin Eifertinger schwingt sich unterdessen auf sein Fahrrad, das der Schulbus zusammen mit den Buben und Mädchen nach Eichenried gebracht hat. Er muss zurück ins WHG nach Garching. Dort laufen derzeit die Abiturprüfungen – und auf den Oberstudiendirektor wartet noch eine Menge Arbeit im Büro.
Sabine Wejsada für Süddeutsche Zeitung
Fotos: Marco Einfeldt