Latein-Podcast: Vor Shakespeares Romeo und Julia gab es Ovids Pyramus und Thisbe
Romeo und Julia, Julia und Romeo. Wer kennt sie nicht, die Geschichte des literarischen Schwergewichts William Shakespeare, die Tragödie der zwei unglücklich Liebenden, die als Paradebeispiel für die „verbotene Liebe“ unzählige nachfolgende Werke inspiriert haben.
Doch auch große Dramatiker wie Shakespeare ließen sich inspirieren – wie so oft von mythologischem Stoff. Shakespeare fand die Inspiration für sein berühmtestes Werk in der antiken Sage von Pyramus und Thisbe, die in Ovids Metamorphosen überliefert ist:
Pyramus und Thisbe sind jung und verliebt. Ihre Eltern sind Nachbarn und natürlich miteinander verfeindet, was eine für Liebende angemessene Kommunikation unmöglich macht. Das heimliche Paar verständigt sich notgedrungen durch einen Spalt in der Wand, die ihre beiden Häuser verbindet.
Doch eines Tages vereinbaren die beiden Liebenden durch diesen Spalt in der Wand ein nächtliches Treffen unter dem bedeutungsschweren Maulbeerbaum, der hier wohlgemerkt noch weiße Früchte trägt.
Thisbe ist vor Pyramus am vereinbarten Treffpunkt und begegnet dort einer Löwin. Aus Angst flüchtet Thisbe und verliert dabei ihren weißen Schleier. Die Löwin findet diesen und hinterlässt durch ihr blutiges Maul rote Striemen darauf.
Wenig später taucht auch Pyramus auf, aber er findet statt Thisbe nur deren blutverschmierten Schleier vor. Er zählt eins und eins zusammen und stürzt sich – wie es sich für einen verzweifelten Liebenden gehört – unter dem Maulbeerbaum in sein Schwert. Durch das viele Blut färben sich die Maulbeeren am Baum purpurrot.
Thisbe, die aus ihrem Versteck zurückkehrt, kann nur noch den sterbenden Pyramus vorfinden und tötet sich aus Schmerz und Verzweiflung ebenfalls. Im Sterben bittet sie die Götter, als Andenken an ihre tragische Liebe die Maulbeeren ihre schwarz-rote Farbe behalten zu lassen.
Und wenn man der Legende Glauben schenkt, ist das der Grund, warum die Maulbeerbäume von purpurroten Früchten geschmückt werden.
Die tragische Geschichte von Pyramus und Thisbe lebt bis heute weiter in den weltberühmten klassischen Werken von William Shakespeare und Andreas Gryphius (Absurda Comica oder Herr Peter Squenz), aber auch in der Gegenwartsliteratur wird das Motiv der „verbotenen Liebe“ immer wieder freudig aufgegriffen.
Sophia Pieringer, 12
Bildquelle: http://www.titus-maccius-plautus.de/latein/index.html